Die Ausschreibungsrunde zum 1. Oktober 2026 ist keine große Erzählung über die Energiewende. Sie ist eine Marktprobe. Und sie fällt unterschiedlich aus: Für Solaranlagen auf Gebäuden und Lärmschutzwänden kamen mehr Gebote herein als ausgeschrieben war. Bei Biomasse reichte das Interesse erneut nicht aus, um das Volumen zu füllen.
Die Originalmeldung der Bundesnetzagentur zu den Ergebnissen der Ausschreibungen zeigt damit keine abstrakte Präferenz für eine Technologie. Sie zeigt, wo Projektierer, Betreiber und Kapital derzeit realistisch liefern können. Auf Dächern funktioniert der Mechanismus annähernd. Bei Biomasse klemmt er.
Zwei Ausschreibungen, zwei Marktzustände
Bei den Aufdach-Solaranlagen lag das ausgeschriebene Volumen bei 296 Megawatt. Eingereicht wurden 177 Gebote mit zusammen 347 Megawatt. Zuschläge erhielten 143 Gebote über 288 Megawatt. Das Volumen wurde also nahezu ausgeschöpft. Die Zuschlagswerte lagen zwischen 8,50 und 10 Cent pro Kilowattstunde, der mengengewichtete Durchschnitt bei 9,67 Cent pro Kilowattstunde.
Bei Biomasse ist die Lage anders. Ausgeschrieben waren 617 Megawatt. Eingereicht wurden 328 Gebote mit insgesamt 442 Megawatt. Weil die Ausschreibung unterzeichnet war, musste das Zuschlagsvolumen reduziert werden. Am Ende wurden 244 Zuschläge über 319 Megawatt erteilt. Die Zuschlagswerte lagen zwischen 13,95 und 19,80 Cent pro Kilowattstunde, der mengengewichtete Durchschnitt bei 18,75 Cent pro Kilowattstunde.
Das sind zunächst Verwaltungszahlen. Aber gerade deshalb sind sie brauchbar. Eine Ausschreibung misst nicht, was politisch erwünscht ist. Sie misst, welche Projekte zu vorgegebenen Regeln und Preisgrenzen tatsächlich in den Markt kommen.
Aufdach-Solar passt in die industrielle Routine
Der Abstand zwischen ausgeschriebenem Volumen und Gebotsmenge bei Aufdach-Solar ist nicht extrem, aber er reicht aus, um Wettbewerb herzustellen. 347 Megawatt Gebote für 296 Megawatt Ausschreibungsvolumen bedeuten: Es gibt mehr Projekte als Platz in der Runde. Nicht viel mehr, aber genug, um die Ausschreibung nicht leer laufen zu lassen.
Das ist technisch und organisatorisch plausibel. Aufdach-Photovoltaik ist in vielen Fällen ein wiederholbares Projektgeschäft: Dachfläche prüfen, Statik klären, Netzanschluss beantragen, Komponenten beschaffen, Installation planen, Betreiber- und Finanzierungsmodell festlegen. Jedes einzelne Projekt kann aufwendig sein. Das Grundmuster ist aber etabliert. Es gibt Installationsbetriebe, Projektierer, standardisierte Komponenten, Erfahrungswerte bei Genehmigung und Betrieb.
Die Zahlen sagen nicht, dass der Ausbau ohne Reibung läuft. Netzanschlüsse, Fachkräfte, Dachzustand, Brandschutz, Eigentümerstrukturen und Finanzierung bleiben harte Faktoren. Aber der Ausschreibungsmechanismus trifft hier auf eine Projektlandschaft, die genügend Vorhaben erzeugt, um fast das gesamte ausgeschriebene Volumen abzunehmen. Die meisten Zuschläge entfielen laut den vorliegenden Angaben auf Nordrhein-Westfalen, mit 66 Megawatt und 38 Zuschlägen. Das passt zu einem Markt, der stark von Gewerbedächern, dicht bebauten Räumen und vorhandener Infrastruktur lebt.
Biomasse hat ein anderes Problem als fehlende Sichtbarkeit
Biomasse ist keine neue Technologie, die erst erklärt werden müsste. Genau das macht die Unterzeichnung relevanter. Wenn eine bekannte Technologie trotz hoher ausgeschriebener Menge nicht genügend Gebote liefert, liegt das Problem nicht bei der Aufmerksamkeit, sondern bei der Projektökonomie und bei den operativen Bedingungen.
Aus den Ausschreibungsergebnissen allein lässt sich nicht sauber ableiten, welcher Faktor dominiert. Möglich sind mehrere Engstellen: Brennstoffverfügbarkeit, Anlagenalter, Genehmigung, Investitionskosten, Erlöserwartung, regulatorische Unsicherheit, Anforderungen an Flexibilisierung oder Konkurrenz um Substrate. Der Punkt ist: Der Markt hat unter den geltenden Bedingungen weniger geboten, als der Staat abrufen wollte.
Das ist für das Energiesystem unbequemer als eine schwache Runde bei einer beliebigen Erzeugungsart. Biomasse wird häufig nicht nur als Kilowattstunden-Lieferant betrachtet, sondern als regelbare erneuerbare Kapazität. Sie kann anders eingesetzt werden als Wind und Solar, deren Erzeugung stärker vom Wetter abhängt. Wenn die Ausschreibungen wiederholt unterzeichnet sind, entsteht deshalb nicht nur eine Lücke im Zubau. Es entsteht eine Lücke in einem Segment, das für Flexibilität und steuerbare erneuerbare Erzeugung politisch besonders interessant ist.
Preis ist nicht die ganze Erklärung
Der Vergleich der Zuschlagswerte wirkt auf den ersten Blick eindeutig: Aufdach-Solar kommt im Durchschnitt auf 9,67 Cent pro Kilowattstunde, Biomasse auf 18,75 Cent. Daraus sollte man aber keine einfache Effizienzrangliste bauen. Die Technologien liefern unterschiedliche Profile. Solar produziert tagsüber und wetterabhängig. Biomasse kann grundsätzlich planbarer eingesetzt werden, trägt aber andere Kostenstrukturen und Abhängigkeiten.
Gerade deshalb ist die Ausschreibungslogik so aufschlussreich. Sie zwingt sehr unterschiedliche Technologien in ein administratives Verfahren, das am Ende eine nüchterne Frage stellt: Wer bietet, zu welchen Bedingungen, in welcher Menge? Bei Solar lautet die Antwort: genug, um das Volumen fast zu decken. Bei Biomasse lautet sie: nicht genug, trotz deutlich höherer Zuschlagswerte.
Das ist kein Beweis gegen Biomasse. Es ist aber ein Hinweis darauf, dass höhere Vergütungswerte allein möglicherweise nicht ausreichen, wenn die Engstelle außerhalb des reinen Arbeitspreises liegt. Ein Betreiber investiert nicht nur gegen einen Cent-Betrag pro Kilowattstunde. Er kalkuliert Brennstoffe, Verfügbarkeit, Wartung, Laufzeit, regulatorische Pflichten, Anschlussfragen und Risiken über Jahre. Wenn diese Rechnung nicht aufgeht, bleibt das Gebot aus.
Die operative Lesart der Energiewende
Politische Ausbauziele werden oft in Jahresmengen, Zielpfaden und installierter Leistung beschrieben. Ausschreibungen übersetzen diese Ziele in eine härtere Sprache: eingereichte Gebote, zugelassene Projekte, Zuschläge, nicht abgerufene Mengen. Dort verschwindet die Rhetorik. Übrig bleibt die Frage, welche Anlagen tatsächlich geplant, finanziert und angeboten werden.
Die Oktober-Runde zeigt deshalb eine Verschiebung innerhalb der erneuerbaren Infrastruktur. Aufdach-Solar erscheint als skalierbarer Teil des Systems, der unter den geltenden Bedingungen ausreichend Projekte mobilisiert. Biomasse wirkt dagegen wie ein Segment, bei dem die Förderarchitektur und die reale Projektbasis nicht sauber zusammenpassen.
Für die nächste politische Debatte ist das wichtiger als die einzelne Megawattzahl. Wenn Solar-Ausschreibungen gefüllt werden und Biomasse-Ausschreibungen wiederholt darunter bleiben, entstehen zwei sehr verschiedene Aufgaben. Bei Solar geht es vor allem darum, Anschluss, Flächen auf Gebäuden, Installationskapazitäten und lokale Netze nicht zum Flaschenhals werden zu lassen. Bei Biomasse geht es zuerst um die Frage, warum Projekte nicht in ausreichender Menge bieten.
Die Bundesnetzagentur liefert mit dieser Runde keine Diagnose der Ursachen. Sie liefert Messpunkte. Genau darin liegt der Wert. Der Markt hat auf zwei Ausschreibungen geantwortet. Die eine Antwort ist fast voll. Die andere bleibt leerer, als sie sein sollte.