Startseite / KI
KI

Cloudflare: KI-Agenten werden zur Belastung für Websites

Cloudflare: KI-Agenten werden zur Belastung für Websites
← Alle Beiträge

KI-Agenten entwickeln sich nach Einschätzung von Cloudflare für manche Website-Betreiber zu einer wirtschaftlichen Belastung. Auf der Telefonkonferenz zu den jüngsten Quartalszahlen erklärte CEO Matthew Prince, dass Kunden die automatisierten Systeme als „Bürde“ für ihr Geschäft betrachteten und sie von ihren Angeboten fernhalten wollten.

Der Grund ist nicht allein das bekannte Problem unerwünschter Bots. Agenten sollen im Auftrag eines Nutzers Informationen aus vielen Quellen zusammentragen und daraus eine einzelne Empfehlung ableiten. Damit lösen sie auf zahlreichen Websites Kosten aus, obwohl nur ein Anbieter am Ende möglicherweise einen Kunden erhält. Cloudflare erwartet, dass solche automatisierten Abrufe langfristig ein erheblich größeres Volumen erreichen können als menschliche Klicks.

Für Betreiber verschiebt sich damit eine zentrale Rechnung des offenen Webs: Ein Seitenaufruf ist nicht mehr automatisch die Vorstufe zu Aufmerksamkeit, Werbung oder einem Verkauf. Er kann schlicht eine unbezahlte Eingabe für ein fremdes KI-System sein.

1.000 Menüs, aber nur ein Restaurantbesuch

Prince veranschaulichte das Problem mit einer hypothetischen Restaurantsuche. Ein Agent könnte die Websites von 1.000 Restaurants durchsuchen und ebenso viele Speisekarten abrufen, bevor der Nutzer sich für ein einziges Lokal entscheidet. Die übrigen 999 Betreiber hätten die technischen Kosten der Anfrage getragen, ohne daraus einen erkennbaren Nutzen zu ziehen.

Wie ein KI-Agent Kosten auf viele Websites verteilt
Ein Auftrag, viele kostenpflichtige AbrufeNutzer sucht ein RestaurantEin einzelner RechercheauftragKI-Agent durchsucht das WebAutomatisierte Auswahl und Verdichtung1.000 Restaurant-WebsitesMenüs werden abgerufen; Betreiber tragen die KostenEin Restaurant wird gewählt999 Websites: Abruf ohne resultierenden BesuchHypothetisches Beispiel von Cloudflare-CEO Matthew Prince
Das Diagramm zeigt Cloudflares hypothetisches Restaurantbeispiel: Ein Nutzer beauftragt einen Agenten, der 1.000 Websites abruft. Nur ein Restaurant wird gewählt, während 999 Betreiber Abrufkosten ohne Besuch tragen.

Suchmaschinen haben schon immer Seiten abgerufen, deren Betreiber anschließend keinen Besuch erhielten. Cloudflares Argument zielt deshalb nicht auf einen grundsätzlich neuen Vorgang, sondern auf dessen mögliche Größenordnung. Das Unternehmen hat zuvor ein Verhältnis von bis zu 1.000 automatisierten Anfragen je menschlichem Klick prognostiziert. Dabei handelt es sich um eine Erwartung Cloudflares, nicht um einen im Bericht belegten aktuellen Durchschnittswert des gesamten Webs.

Operativ hängt die Belastung zudem davon ab, welche Inhalte ein Agent abruft und wie teuer deren Bereitstellung ist. Eine statische Seite verursacht eine andere Last als dynamisch erzeugte Inhalte, Suchabfragen oder Dienste, die für jeden Abruf weitere Systeme ansprechen. Entscheidend ist daher nicht nur die Zahl der Bots, sondern das Verhältnis aus maschineller Nutzung, Infrastrukturkosten und verwertbarem Ergebnis.

Cloudflare verkauft Zugangskontrolle für das Agenten-Web

Cloudflare bietet Produkte an, mit denen Kunden KI-Agenten blockieren, die Auswirkungen ihres Traffics begrenzen oder Zugriffe monetarisieren können. Prince zufolge hätten sich seit dem 1. Juli ungefähr fünf Prozent des Webs für entsprechende Schutzprodukte des Unternehmens entschieden. Eine Methodik für diese Größenangabe wurde in den vorliegenden Aussagen nicht genannt; sie ist daher als Unternehmensangabe einzuordnen.

Das Geschäftsmodell liegt auf der Hand: Je mehr automatisierter Verkehr zwischen KI-Diensten und Websites entsteht, desto wichtiger wird die Infrastruktur, die ihn erkennt und Regeln durchsetzt. Cloudflare sitzt dabei an einer strategisch günstigen Stelle. Das Unternehmen sieht einen erheblichen Teil des Datenverkehrs seiner Kunden und kann sowohl den Zugang als auch die technische Ausführung kontrollieren.

Meta gehört laut Prince bereits zu den Kunden. Dessen neue „Muse“-Agenten sollen weiteres automatisiertes Verkehrsaufkommen erzeugen, das andere Betreiber wiederum kontrollieren möchten. Für Cloudflare ist agentischer Traffic deshalb nicht nur eine Belastung, vor der Kunden geschützt werden sollen. Er vergrößert zugleich den Markt für die eigenen Vermittlungs-, Sicherheits- und Abrechnungsdienste.

Die Container-These bleibt eine Anbieterthese

Prince verband den erwarteten Anstieg des Agentenverkehrs außerdem mit einer weitreichenden Infrastrukturprognose. Container seien zwar ein deutlicher Fortschritt gegenüber Bare Metal und virtuellen Maschinen gewesen, könnten aber mit den neuen agentischen Nutzungsmustern nicht kosteneffizient Schritt halten. Als Alternative stellte er Cloudflares serverlosen Dienst Workers heraus.

Diese Schlussfolgerung ist deutlich interessengeleitet. Aus mehr Bot-Traffic folgt nicht automatisch, dass Container oder Kubernetes technisch überholt sind. Agentische Dienste können kurze, stark schwankende und parallel ausgeführte Aufgaben erzeugen, für die fein skalierbare Serverless-Angebote attraktiv sind. Welche Architektur günstiger ist, hängt jedoch weiterhin von Auslastung, Laufzeit, Datenwegen und Kontrolle über die Infrastruktur ab.

Cloudflares Aussage beschreibt deshalb weniger das Ende von Containern als den Wettbewerb darum, auf welcher Abstraktionsebene die nächste Lastwelle abgearbeitet wird. Wer die Ausführung näher an sein globales Netzwerk verlagert, gibt dem Plattformanbieter zugleich mehr Kontrolle über Skalierung, Sicherheitsregeln und Abrechnung.

Wachstum mit einem Problem, das Cloudflare selbst verwaltet

Cloudflare meldete für das Quartal einen Rekordumsatz von 782,5 Millionen US-Dollar, 39 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Nachbörslich stieg die Aktie laut dem Bericht um rund 15 Prozent. Neben der Nachfrage rund um KI-Agenten verwies Prince auf das Sicherheitsgeschäft als Wachstumstreiber.

Auf derselben Telefonkonferenz äußerte er die Erwartung, dass staatliche Akteure und Kriminelle die als PHP2SHELL bezeichnete Schwachstelle bereits vor ihrer Veröffentlichung ausgenutzt haben könnten. Cloudflare durchsuche ältere Protokolle nach Belegen. Prince sagte, er rechne damit, Beispiele zu finden. Das ist jedoch keine Bestätigung bereits nachgewiesener Angriffe: In den vorliegenden Angaben werden weder konkrete Funde noch betroffene Versionen, eine CVE oder technische Angriffsvoraussetzungen genannt.

Beide Themen folgen dennoch derselben geschäftlichen Logik. Cloudflare verdient daran, dass Website-Betrieb komplexer wird: mehr automatisierte Anfragen, mehr Angriffsverkehr und mehr Regeln darüber, wer Inhalte unter welchen Bedingungen abrufen darf.

Der Seitenaufruf verliert seinen bisherigen Gegenwert

Für Publisher, Händler, Restaurants und andere Website-Betreiber liegt das eigentliche Problem nicht darin, dass Maschinen ihre Seiten lesen. Entscheidend ist, ob zwischen dem Aufwand für den Abruf und einem wirtschaftlichen Gegenwert noch eine belastbare Verbindung besteht. Agenten können diese Verbindung auflösen, weil sie Informationen übernehmen, vergleichen und verdichten, ohne den Nutzer zur Quelle weiterzuleiten.

Damit wird die Kontrolle des maschinellen Zugriffs zu einer operativen Aufgabe: Betreiber müssen unterscheiden können, welcher Traffic lediglich Kosten erzeugt, welcher Reichweite bringt und welcher gegen Bezahlung zugelassen werden soll. Davon profitieren zunächst jene Infrastrukturunternehmen, die den Datenverkehr bereits vermitteln. Die offene Frage ist nicht nur, ob KI-Agenten Websites überlasten. Sie lautet auch, wer künftig die Bedingungen festlegt, unter denen Maschinen das Web lesen dürfen.

J

Über den Autor

Jens Könnig

Jens analysiert seit Jahren digitale Märkte, Preisbewegungen und Plattform-Strategien. Als Betreiber mehrerer datengetriebener Systeme wertet er täglich große Mengen an Produkt- und Trenddaten aus. Sein Fokus liegt auf Einordnung statt Hype: Was bedeutet eine Entwicklung wirklich für Nutzer, Preise und Märkte?

Alle Artikel von Jens Könnig →